| Als im Herbst 1996 in den steirischen
Zeitungen über ein geplantes Denkmal am Feliferhof berichtet wurde,
dürften nicht allzuviele, die das lasen gewußt haben, wo der
Feliferhof liegt. Und jene, denen der Feliferhof ein Begriff war, sei es,
weil sie hier während der Militärzeit Schießübungen
absolviert hatten oder weil sie Wetzelsdorfer sind, dürften sich vielleicht
gefragt haben, weshalb hier ein Denkmal errichtet werden soll. Ich möchte
sie einladen, mit mir einen Blick in die Geschichte dieser Anlage zu machen
und kurz auch auf die geplante Errichtung des Denkmales eingehen. Der Name
“Felieferhof” für die heutige Schießstätte geht auf eine
Frau Theresia Filafero zurück, die die gesetzliche Bevollmächtigte
der Anna Geißler, der Besitzerin dieses Geländes am Beginn des
19. Jahrhunderts war. Vorher hieß das Gelände “Hofstetterhof”,
so nachweisbar bis ins 12. Jahrhundert. Im Jahr 1869 wurde das Gelände,
das mittlerweile in städtischen Besitz übergegangen war, als
Tauschobjekt gegen das Glacis, das in einen Stadtpark umgestaltet werden
sollte, dem K.K. Militär als Schießstätte übergeben.
In der 1. Republik diente es dem Bundesheer und nach der Einverleibung
Österreichs ins nationalsozialistische Deutschland der Wehrmacht und
verschiedenen NS-Organisationen als Schießstätte.
In der Zeit von 1941 bis Kriegsende 1945 kam es
hier zu Erschießungen von Uniformierten, Zivilisten und Kriegsgefangenen.
Danach wurde das Gelände wieder Schießstätte des Bundesheers,
der Polizei, Zollwache und der Gendarmerie. Erst 1978 wurden aus Sicherheitsgründen
zu den 30 ha weitere 75 ha Grund vom Stift Admont zugekauft. Heute besitzt
das Stift nur mehr den Grund des Gasthauses Johann und Paul.
Ab 1941 wurde der Feliferhof ein Ort nationalsozialistischen
Terrors: Seit September 1941 wurden hier Todesurteile vollstreckt, die
von Militär- und Polizeigerichten verhängt worden sind. Personen
des Militärs und der Polizei unterlagen einer eigenen Gerichtsbarkeit.
Zwischen 1941 und März 1943 wurden die Verurteilten am Feliferhof
erschossen. 1943 wurde im Landesgericht in der Conrad von Hötzendorfstraße
eine Hinrichtungsstätte mit Guillotine eingerichtet, wo nun die zum
Tode Verurteilten bis Anfang 1945 hingerichtet wurden. Ab Feber 1945 kam
es wieder zu Hinrichtungen am Feliferhof. Vom Grazer Militärgericht
sollen mindestens 40 Militärangehörige - nach Angaben eines Kaplans
- (insgesamt ca. 150 Uniformierte) zum Tode verurteilt und hingerichtet
worden sein; in ganz Österreich sollen es über 520 gewesen sein,
die wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung oder Desertion zum Tode verurteilt
wurden. Aber auch andere Uniformierte wurden erschossen; jene, die von
SS- und Polizeigericht (Paulustorgasse) verurteilt worden sind. Dieses
Gericht war für Angehörige nicht nur von SS und Polizei, sondern
auch für Angehörige der Feuerwehr, des Rotes Kreuzes, der Grenzwache
u.a. zuständig. Die Maxime dieses Gerichtes lautete: “Was Recht und
Unrecht ist, ergibt sich aus deutschem Rechtsgefühl und nationalsozialistischer
Weltanschauung, nicht aus Paragraphen”. Der Luftschutzwart Karl Burg beobachtete
vom Turm der Warte bei Johann und Paul die Geschehnisse am Feliferhof und
meldete sie schon im Mai 1945 den Behörden. Er gab an, daß auch
SS-Angehörige dort erschossen worden seien; 1941 sollen hier 1-2mal
monatlich, später schon 1-2mal wöchentlich Erschießungen
stattgefunden haben.
Der Feliferhof steht aber auch mit der Eskalation
der Gewalt gegen Ostern 1945 in Verbindung: viele SS Offiziere wollten
möglichst viele Menschen in den Untergang mitnehmen, speziell im April/Mai
1945. Es wurden zur Spurenverwischung die Akten verbrannt, das Hinrichtungsbeil
im Landesgericht wurde vergraben, die dort auf ihre Hinrichtung Wartenden
wurden nun von der Gestapo in die Wetzelsdorfer Kaserne gebracht und dort
erschossen. Die Konzentrationslager Peggau und Aflenz/Leibnitz wurden evakuiert,
wobei die marschunfähigen Häftlinge entweder an Ort und Stelle
erschossen wurden oder nach Graz in das Polizeigefängnis kamen und
schließlich im April 1945 in der SS-Kaserne Wetzelsdorf und am Feliferhof
ermordet wurden. Eine Liste von “besonders gefährlichen Personen”
- politische Gegner, die im Gefängnis in der Paulustorgasse bzw. im
Landesgericht festgehalten waren - wurde vom Gestapobeamten Adolf Herz
zusammengestellt, die nach der Bestätigung durch Gauleiter Uiberreither
in Wetzelsdorf (heute Belgierkaserne) erschossen und in einen Bombentrichter
geworfen wurden. Zu diesem Zeitpunkt wollten sich schon einige Gestapobeamte
für eine Zeit danach rückversichern. Sie ließen bereits
zum Tode verurteilte Häftlinge frei.
Das bekannteste Beispiel ist die Freilassung
des ehemaligen Schutzbundführers von Eggenberg und nachmaligen Polizeidirektors,
Alois Rosenwirth. Er konnte untertauchen und trat am 8.Mai 1945 in k.k.
Uniform Emissären der Roten Armee gegenüber - als Repräsentant
des Neuen Österreich. Genossen von ihm wurden nicht freigelassen,
wie etwa Julia Pongracic, Hiebler und Marsch, die im April 1945 ermordet
wurden.
Neben 80 namentlich nicht bekannten Personen,
die in den ersten Apriltagen in der SS-Kaserne ermordet wurden, wurden
am 2.April sogenannte russische Spione, die im Koralmgebiet mit Fallschirmen
abgesprungen waren, um mit den Partisanen Kontakt aufzunehmen, amerikanische
und russische Kriegsgefangene, sogenannte “Ostarbeiter” und zwei Österreicher,
die das Pech hatten, von der Feldgendarmerie nächst der Frontlinie
aufgegriffen zu werden, aus dem Polizeigefängnis geholt und in Wetzelsdorf
erschossen. Das Morden ging weiter: am 3.April wurden 14 Häftlinge
aus dem Widerstandskreis um Marsch und Pongracic, aber auch französische
und englische Kriegsgefangene erschossen; am 13. April wurden 13 Häftlinge
aus dem Polizeigefängnis geholt, die aus dem Konzentrationslager Peggau
hierher überstellt worden waren. Ende April wurden die ca. 130 Leichen
aus den Bombentrichtern der Kaserne ausgegraben und am Feliferhof in ein
Massengrab umgebettet. 6 Häftlinge mußten das verrichten, die
dann in dasselbe Grab hineingeschossen wurden. Am 6. Mai wurden noch einmal
6 Häftlinge am Feliferhof erschossen.
Am 18. Mai wurden die Gräber am Feliferhof
freigelegt, die Leichen seziert und am Zentralfriedhof feierlich beigesetzt.
Ein Grabmal erinnert an die Opfer vom Feliferhof.
Auch am Feliferhof selbst wurde auf Initiative
eines Ausbildungslehrganges des Bundesheeres 1980 eine Erinnerungstafel
angebracht. Gleichermaßen auf Initiative des Bundesheeres sollte
nun
ein Denkmal errichtet werden. Den ausgeschriebenen Wettbewerb gewann das
Ehepaar Gerz aus Paris mit dem Projekt “Die Gänse vom Feliferhof”.
Dieses ganz in den Verantwortungsbereich des Bundesheeres übertragene
Denkmal ist kein “herkömmliches” Denkmal, denn es funktioniert und
existiert nur solange, als die erforderlichen Handlungen und Rituale durchgeführt
werden. Das Ritual sieht vor, daß bei jeder Benutzung der Schießstätte
am Feliferhof den Rekruten vier Fahnen mit Texten ausgegeben werden, die
an vier 7 Meter hohen Fahnenstangen gehißt und beim Verlassen des
Schießplatzes wieder eingeholt werden. Durch das Fahnen-Ritual wird
Präsenz-Abwesenheit, Erinnerung-Vergessen symbolisiert. Mittels einer
Informationstafel, die die historischen Ereignisse am Feliferhof kurz skizziert,
und den Fahnentexten wird eine über eine bloße Zeichensetzung
hinausgehende Erinnerungs-, Nachdenk- und Erziehungsarbeit im Sinne der
Menschenrechte angeregt und eingefordert.
Die ständige Auseinandersetzung soll daher
quasi wie ein “Frühwarnsystem” ähnlich den Gänsen des Kapitols
im antiken Rom funktionieren. Das Projekt von Gerz hat daneben aber auch
noch einen musealen Aspekt. So sollen einerseits in den Kasernen, die die
Rekruten zur Ausbildung auf den Feliferhof schicken, Erinnerungswände
mit Fotos von allen Rekruten vor der Gedenkstätte eingerichtet werden,
wobei jedes Jahr neue Fotos hinzukämen. Andererseits sollen die Fahnen,
die jeweils am Tag der Menschenrechte nach einjährigem Gebrauch ausrangiert
werden, ins Heeresgeschichtliche Museum nach Wien gehen, wo sie in der
permanenten Ausstellung in der Chronik des Feliferhofs gezeigt werden.
Die Auseinandersetzung der Rekruten mit der Geschichte
und den Menschenrechten wird durch die Vorgabe der jährlichen Neugestaltung
der Fahnen-Texte durch einen vom Heeresgeschichtlichen Museum ausgeschriebenen
Wettbewerb unter den Rekruten zusätzlich gefördert. Jochen und
Esther Gerz geben nur die Sprüche des ersten Fahnenentwurfes vor.
Die Textierung des ersten Fahnensatzes ist auch
der Grund, warum das Mahnmal noch nicht errichtet worden ist. Die von Gerz
mit in roter Schrift gehaltenen vier Sprüche auf weißem Fahnenstoff
lauten:
Auf Mut steht der Tod
Verrat am Land wird dekoriert
Barbarei ist die Soldatenbraut
Soldaten so heißen wir auch |