"Ich soll mit meinem MG 3000 Menschen am Tag umlegen.
Wenn ich unsere Feinde bekämpfen soll, da muß ich ja hier bleiben."
Mit diesen Worten begründete der 20jährige Voitsberger Bergarbeiter
Franz Dollnig 1943 seinen Entschluß zu desertieren. Eineinhalb Stunden
später hätte er an die Ostfront abgehen sollen. Am 5. Mai 1944
wurde er deshalb im Grazer Straflandesgericht hingerichtet. Franz Dollnig
wurde am 21. Juli 1923 in Rosental/Voitsberg geboren, wo er nach der Schulzeit
den Beruf eines Bergarbeiters erlernte. Damals wurde Österreich von
der Landkarte gelöscht. "Als Hitler kam, waren wir alle so erschrocken,
als ob dauernd ein Raubtier beim Fenster hereinschaut", meinte Franz Dollnigs
Tante, die den weiteren Lebensweg ihres Neffen so schildert. "Natürlich
mußte Franzl auch zur Hitler-Jugend, wo es bald Zurechtweisungen
gab. Bald darauf hieß es einrücken. Wir sahen das ganze Elend
schon herannahen. Wie mußten wir ihn bitten, daß er überhaupt
einrückt. Er gab uns stets zur Antwort: Für den tu‘ ich nichts!
– Endlich ging er, um zwei Tage verspätet."
Hungerstreik gegen Hitler
Franz Dollnig kam zur militärischen Ausbildung
am Maschinengewehr nach Windischgraz/Slovenjgradec in die Untersteiermark,
die seit 1941 wieder der Steiermark angegliedert war. Nach Beendigung der
Ausbildung und acht Tage bevor er an die Front abgehen hätte sollen,
verweigerte er jede Nahrungsaufnahme, sodaß er auf sechs Wochen nach
Graz ins Lazarett kam, wo er künstlich ernährt werden mußte.
Als er danach erneut einen Marschbefehl an die Front erhielt, kletterte
er eineinhalb Stunden vor der Abfahrt über das Kasernentor und fuhr
in die Weststeiermark zu seinen Angehörigen. Diese versuchten mit
allen Überredungskünsten, ihn von seinem Entschluß zur
Desertion wieder abzubringen. Doch habe er, wie seine Tante erzählt,
immer nur geantwortet: "Wie sollen denn das unsere Feinde sein, die haben
wir ja vorher noch nie gesehen" – oder: "Es hat uns ja doch gar niemand
angegriffen. Ich soll mit meinem MG 3000 Menschen im Tag umlegen? Wenn
ich unsere Feinde bekämpfen soll, da muß ich ja hier bleiben."
Vom Schwager denunziert
Und Franz Dollnig blieb zu Hause. Mehrere Monate
konnte er sich im Wald verstecken, doch als der Winter 1943 kam, mußte
er immer öfter zu Hause übernachten. Er wurde von seinem eigenen
Schwager Hans denunziert, am 21. November wurde das Elternhaus in Kohlschwarz
bei Kainach umzingelt und der Deserteur verhaftet. Drei Tage nach seiner
Verhaftung schrieb er an seine Tante: "Liebe Tante! Vor allem sende ich
Dir recht herzliche Grüße. Bitte, liebe Tante, sei so gut und
schau nach, was bei uns daheim los ist. Die Mutter wird ganz zusammengekommen
sein. Der Hans wird sein Unwesen sicher noch ärger treiben. Bitte,
sage der Mutter, daß sie sich wegen mir nichts Hartes machen braucht.
Bitte, liebe Tante, sei so gut und fahre hinüber. Wenn ich kann, werde
ich es Dir tausend Mal vergelten. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder.
Gruß an Mutter und Vati! Franzl. " Da Franz Dollnig keiner organisierten
Gruppe des Widerstandes angehörte und er aus der religiösen Überzeugung
gehandelt hatte, daß dieser Krieg ein ungerechter, ein verbrecherischer
Krieg sei, waren die Erhebungen der nationalsozialistischen Behörden
rasch abgeschlossen. Bereits einen Monat nach seiner Verhaftung wurde er
am 23. Dezember 1943 in Graz zum Tode verurteilt. Fast fünf Monate
hoffte Franz Dollnig auf seine Begnadigung. In den erhalten gebliebenen
Briefen spricht kein gebrochener Mensch, sondern ein lebensfroher, der
sein Handeln nicht beklagt oder bereut.
"Mitläufer war er keiner"
Jeden Tag dem Hinrichtungstag ein Stück näher,
spendet er bis zuletzt seiner Mutter Kraft, diese Zeit zu überstehen.
Vierzehn Tage vor seiner Hinrichtung schreibt er an sie: "Liebe Mutter!
Du darfst Dir nichts daraus machen, weil Hans sich so benommen hat. Man
kann doch nichts Besseres verlangen und muß den Unverstand betrachten.
Gelt, liebe Mutter, Du kränkst Dich nicht darüber. Die Zeit wird
wieder kommen, wo wir wieder beisammen sein werden." Am 12. Mai 1944 wurden
Franz Dollnig im Grazer Straflandesgericht mit fünf weiteren Personen
aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus hingerichtet. Als die
Nachricht seiner Hinrichtung in die Weststeiermark kam, hatte, wie seine
Tante berichtete, so mancher, der dies hörte, einen auch heute immer
noch zu hörenden Ausspruch getan: "Es geschah ihm nicht Unrecht. Er
hat den Fahneneid gebrochen." Denn nach wie vor gilt der Dienst in der
Deutschen Wehrmacht, der Eid auf den Führer Adolf Hitler als Recht
und das Verweigern des Schwures und die Desertion als Unrecht. Dabei hatte
sich Franz Dollnig, wie er seiner Tante nach seiner Desertion anvertraute,gar
nicht auf Hitler vereidigen lassen. "Er ist mit erhobener Hand, zwei Finger
ausgestreckt und den Daumen dazwischen, mit den anderen zusammen am Appellplatz
gestanden. Und was er dabei gesagt hat, geht nicht an, zu schreiben, und
drei Mal hat er es wiederholt, und dabei so gebrüllt, daß seine
Worte nicht auffielen. - Es war also kein Grund zu befürchten, daß
er seinen Fahneneid gebrochen habe. Er hat auf Hitler nicht geschworen.
Er hat also auch dem Teufel den Eid nicht gebrochen, weil er ihn nie geleistet
hat. Was er tat, tat er ganz. Mitläufer war er keiner. Früh schon
hatte er gelernt, was sich mit einem christlichen Gewissen vereinbaren
läßt und was nicht." Nach Franz Dollnigs Hinrichtung bemühte
sich die Familie, die Leiche loszukaufen, doch um den Preis von 230 Reichsmark
wurde ihnen nur eine Urne mit Asche übergeben – unter der Auflage,
sie in Graz beizusetzen. Daß dies nur irgendeine Urne war und ganz
sicher nicht die von Franz Dollnig, sollte die Familie erst im August 1946
erfahren.
Der Grazer Anatomie-Skandal
Der Landesverband der politisch Verfolgten war
bei der Durchsicht von Akten, die zur Eruierung der Namen von Hingerichteten
notwendig waren, auf einen Skandal gestoßen. Der Leiter des Anatomischen
Instituts der Medizinischen Fakultät an der Universität Graz,
Univ. Prof. Dr. Hafferl, hatte am 30. Jänner und 7. Februar 1946 in
einer Nacht-und-Nebel-Aktion und ohne die Behörden oder Verwandte
zu verständigen, 44 Leichen von zwischen 1943 und 1944 in Graz hingerichteten
Widerstandskämpfern am Zentralfriedhof in ein Massengrab werfen lassen,
über das im Sommer 1946 bereits "Unkraut wild wucherte". Eine der
für Sezierzwecke dem Anatomischen Institut zur Verfügung gestellten
Leichen war jene des Franz Dollnig. Am 1. November 1946 wurde für
diese 44 Personen sowie für rund 2500 weitere das "Freiheitskämpfer-Ehrenmal"
am Grazer Zentralfriedhof errichtet, das Vorläuferdenkmal des Internationalen
Mahnmales. Heute findet sich Franz Dollnigs Name mit Tausenden weiteren
Opfern des Nationalsozialismus auf der Innenseite des Internationalen Mahnmales.
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