Herta Reich
„Zwei Tage Zeit, um zwanzig Jahre meines jungen Lebens zurückzulassen" 

Ich war zwanzigeinhalb Jahre alt, als meine Jugend und Zukunft zerbrachen. Vor dem Krieg hatte ich eine äußerst glückliche Kindheit und Jugend voll Lebensfreude. Aufgewachsen bin ich in den Bergen und herrlicher Landschaft. 1938 dann der Zusammenbruch meiner Welt, meiner Jugend und Zukunft. So plötzlich auf grausame Weise allein. Zwei Tage Zeit, um 20 Jahre meines jungen Lebens zurückzulassen, um nie mehr wiederzukehren, einfach so unglaublich, alles zurückzulassen, was Glück, was Heimat war – nichts als Tränen und Trauer mitnehmend. Während des Krieges bis 1944 auf der Flucht. Nach dem Krieg die Erkenntnis, daß Leben etwas Großes ist, daß Überleben alles ist, und äußere Güter und Besitz für mich keinen Wert mehr haben.

Spätsommer 1938

Nachdem die Geheime Staatspolizei das Geschäft meiner Eltern verwüstet hatte, verhaftete sie mich grundlos und brachte mich ins Gestapogefängnis nach Graz. Nach drei Wochen Tag- und Nachtverhören in Einzelhaft mußte ich Österreich innerhalb von zwei Tagen verlassen. Meine Verzweiflung und mein Schock waren unbeschreiblich. In einer kleinen Provinzstadt, wo nur zwei jüdische Familien lebten, hatte ich keinerlei Verbindungen mit Juden oder jüdischen Organisationen. Ich hatte nur christliche Freunde. Für mich hieß es, von heute auf morgen eine Türe hinter mir zu schließen und aus einem glücklichen Leben für immer hinauszugehen, ohne irgendein Ziel. 

Ich fuhr nach Wien. Ohne Gepäck. Nur in meine Schultasche stopfte ich ein paar Sachen. Mein Vater gab mir eine wertvolle goldene Kette meiner Großmutter. In Wien hörte ich, daß die Schweizer und französische Grenze gesperrt seien. Wer wollte schon jüdische Flüchtlinge? Ich hatte weder Papiere noch einen Paß. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, illegal nach Holland zu kommen? Am Bahnhof lernte ich einen netten Jungen kennen, der in der gleichen verzweifelten Lage war. Es war schon ein Glück im Unglück, zu zweit zu sein. Wir nahmen einen Zug nach Duisburg, und naiv und unerfahren wie wir waren, glaubten wir, uns im Duisburger Rheinhafen auf ein holländisches Schiff schmuggeln zu können. Wir waren noch keine zwei Schritte im Hafen, hatte man uns sofort verhaftet und nach einigen Tagen Gefängnis freigelassen. Die goldene Kette und ein Ring wurden mir im Gefängnis weggenommen. 

Wohin jetzt? Belgien war das nächstliegende Land. Das Geld reichte nur, um bis nach Aachen zu fahren. Dort trennten wir uns. Wir wollten uns in Brüssel wieder treffen. Ich war wieder allein. Einige Kilometer von Aachen entfernt liegt die belgische Grenze. Dort gab es ein Kloster. Die Nonnen machten an diesem Tag eine Wallfahrtsprozession zu einer Kirche, die hinter der Grenze lag. Ich ging mit ihnen und kam so ohne Zwischenfall nach Belgien. Mit viel Angst und Herzklopfen. Von dort gelangte ich zu Fuß über Verviers nach Brüssel. An Verviers erinnere ich mich sehr genau. Es gab eine Konditorei, in deren Auslage herrliche Reiskuchen mit Obst waren. Aber ich hatte kein Geld mehr. Ich war sehr hungrig. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich bis Brüssel zu Fuß brauchte, ich erinnere mich nur an eine Nacht auf einer Eisenbahnstation, wo ich geschlafen habe. 

Ich kam in Brüssel an. Ohne Geld, ohne Ersatzkleider und hungrig. Ich sah den Jungen wieder. Er hatte einige Franken von der jüdischen Flüchtlingshilfe bekommen, und wir suchten ein billiges Zimmer. Das war sehr schwierig, denn man wollte keine Ausländer. Nach einem ganzen Tag im Regen fanden wir ein Zimmer. Total verwanzt. Mit nur einem französischen Bett. Drei Tage war ich im Bett, bis die einzigen Kleider trockneten. Der Junge ging Brot stehlen und brachte tatsächlich welches. 
Nach einem Monat Hunger, Regen und Verzweiflung wurden wir auf der Straße verhaftet. Gefesselt wurden wir ins Gefängnis von Brüssel gebracht. 
Nach einigen Tagen Einzelhaft transportierten sie uns im geschlossenen Gefängnisauto ohne Fenster, gefesselt wie Schwerverbrecher zu irgendeinem Bahnhof. Man nahm uns die Handfesseln ab und schob uns vom Auto direkt in einen Gefängniswaggon eines Lastenzuges. Wir waren ungefähr zwanzig Personen. Als der Zug nach vielen Stunden hielt, waren wir sicher, in Frankreich zu sein. Und als sie uns aussteigen ließen, die niederschmetternde Erkenntnis, daß wir in Aachen waren und die Gestapo uns schon erwartete. Wer hätte gedacht, daß die Belgier solche Schweine wären, uns zurück nach Deutschland zu schicken. Die Männer wurden sofort verhaftet, nur ich als einzige Frau erhielt eine Fahrkarte nach Köln. Die jüdische Gemeinde in Köln zahlte die Fahrt bis Wien. Es gab keinen anderen Ausweg, obwohl ich große Angst hatte, nach Österreich, das nun Ostmark hieß, zurückzukommen, da ich ja endgültig ausgewiesen war. 
In Wien hatte ich einen Onkel und einige Freunde, und so schlief ich jede Nacht woanders. In die Steiermark zu den Eltern konnte ich nicht mehr fahren, da mich in der kleinen Stadt jeder kannte, plötzlich alle Nazis waren und von meiner Ausweisung wußten. 

In der Nacht vom 9./10. November 1938 die berüchtigte „Kristallnacht". Es war ein Grauen in ganz Deutschland und Österreich. Jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zertrümmert, geplündert und verbrannt. Menschen wurden verhaftet und grausam ermordet. Alle Synagogen brannten. Es war eine fürchterliche Nacht in Wien. Ich wohnte damals neben der Großen Synagoge im zweiten Bezirk, sah, wie sie brannte und wie man Menschen aus den Fenstern auf die Straße warf. 

Die Lebensmöglichkeiten für Juden wurden immer begrenzter, die Angst unerträglich. Die jüdischen Geschäfte wurden beschlagnahmt, arisiert. Der Besitz geraubt und die Juden aus dem Wirtschaftsleben, den Universitäten, den Schulen, den Parks, ausgeschlossen und aus führenden Positionen entlassen. Und für den Schaden, den die Nazis verursachten, legte man in Deutschland den Juden eine Gesamtstrafe von einer Milliarde Mark auf. 
Zu Hause in der Steiermark wurden mein Vater und Bruder verhaftet und nach Dachau transportiert. Meine Mutter und Schwester blieben allein. Die Nazis enteigneten unseren ganzen Besitz, das Haus, das Geschäft, den großen schönen Garten, den Schmuck. In Wien wurde das Leben gefährlich und unerträglich. Auf der mit Stricken abgesperrten Prater Hauptallee fing man jüdische Mädchen zusammen. Heute noch, nach 50 Jahren, träume ich oft davon, wie ich nackt zwecks „Rassenforschung" vor diesen Schweinen stand und von allen Seiten fotografiert und „vermessen" wurde. Ich höre noch heute das sadistische Lachen der Nazis und sehe immer nur glänzende, schwarze Stiefel. Nur Stiefel. Ich blieb weiter in Wien. Ohne Arbeit selbstverständlich. Ohne Geld. Einmal da. Einmal dort. Ohne Zuhause. Provisorisch, sozusagen. In der Luft. Aber immer in Gefahr und Angst. Das war das einzig Beständige. 

Winter 1938/39

Mein Vater und Bruder kamen schwer mißhandelt von Dachau zurück. Meine Mutter hatte für meinen Bruder Erich irgendwie eine Ausreise nach Dänemark zustande gebracht. Die Eltern und Geschwister kamen nach Wien, wohnten alle in einem kleinen Zimmer und bekamen 200 Schilling monatlich vom Ariseur, der unser ganzes Vermögen genommen hatte. Manchmal gelang es mir, einige ausgekochte Knochen vom Stadtkibbuz zu bringen. Meine Mutter kochte sie nochmals mit etwas Gemüse.
Jede Woche holte uns die Gestapo vom Stadtkibbuz, um den Schutt aus den zerstörten Synagogen wegzuräumen oder die Gehsteige mit Bürsten zu waschen. Wir spürten Angst im Herzen und Heimatlosigkeit. 
Zum ersten Mal hörte ich „Palästina" und ging vom Stadtkibbuz auf „Hachschara" in ein Dorf in der Nähe von Wien, nach Moosbrunn. 
Dort gab es einen großen Gutshof mit vielen Feldern und einen Kuhstall mit 110 Kühen. Einige Monate hatte ich schwere körperliche Arbeit im Kuhstall zu verrichten. Dabei mußte ich um zwei Uhr nachts aufstehen und im tiefen Schnee 20 Minuten bis zum Kuhstall gehen, um zu melken. Bis zum nächsten Melken schlief ich neben den Kühen im Stroh, da war es wenigstens warm. Ich hatte viele Freunde in Moosbrunn, und alle hatten nur ein Ziel: Palästina. 

Anfang des Sommers war ich wieder in Wien. Meine Eltern hungerten. So brachte ich öfters mein Essen vom Stadtkibbuz. Das Palästinaamt begann einen illegalen Transport zu organisieren. Man brauchte einen Passeport. Die einzige Stelle, die den Juden das Verlassen des Landes erlaubte, war die von der SS errichtete „Zentralstelle für jüdische Auswanderung". Geleitet und errichtet wurde sie von Adolf Eichmann im enteigneten Rothschild-Palais in Wien. 
Tausende Menschen standen in der Reihe, um Paß und Ausreisebewilligung. Ich stand eine ganze Nacht und noch einen Tag, bis ich nach vielen Schikanen den Paß erhielt. Jede Jüdin erhielt die Ergänzung „Sara" zu ihrem Namen, und über den halben Einband wurde außen ein großes J gestempelt. 

So gingen die Tage vorbei in immerwährender Angst und Ungewißheit. Mein Bruder fuhr nach Dänemark. 
Endlich kam mein Transport zustande. Wir fuhren am 25. November 1939 nach Palästina. So dachten wir. Diese Fahrt dauerte fast fünf Jahre. Nur wenige von den über 1000 Menschen erreichten das Ziel. Der Transport hatte die Erlaubnis der Gestapo. Sie erlaubte uns nur zehn Mark und einen Rucksack mitzunehmen. Der Abschied war erschütternd. Ich mußte die Eltern und Schwester bei diesen grauenhaften Mördern zurücklassen. Die Eltern waren glücklich, daß ich wegfahren konnte, glaubten, wie auch wir alle, daß das die Rettung sei. Ein Jahr später fuhren meine Eltern und Schwester in ein anderes Unglück. 
Ungefähr über 800 Menschen waren wir zunächst. Später kamen in Bratislava und Zagreb noch Leute dazu. Insgesamt waren wir dann über 1000. 
Vom Wiener Ostbahnhof gelangten wir mit dem Zug nach Bratislava. Vorher an einer Grenzstation die letzte Gestapokontrolle. 

Nach zwei Tagen Aufenthalt in einem Getreidespeicher wurden wir zur Donau geführt und in ein Ausflugsschiff hineingestopft. Die ehemaligen Speisesäle, die Treppen, die Gänge und die Decks, alles belegt von Menschen. Jeder hatte zirka 40 Zentimeter Platz zum Schlafen. Ich war etwas besser dran. Ich schlief auf einem Tisch, der zwar etwas breiter war, aber nur 1,2 Meter lang. Unter dem Tisch schliefen zwei. 

Winter 1939/40

An der ungarischen Grenze wurden wir plötzlich übersiedelt. Auf drei kleine jugoslawische Schiffe. Budapest passierten wir bei Nacht. Die Nachrichten, die unsere Transportleitung erhielt, waren verworren und unklar. 
Einmal sollte es ein Hochseeschiff für uns am Schwarzen Meer geben, dann wieder nicht. Und da es keines gab, hatte Rumänien die Weiterfahrt nicht erlaubt. Inzwischen war es Winter geworden. Der Winter 1939/40 war besonders kalt. Die Schiffe hielten am Donauufer im jugoslawischen Kladovo. Wir überwinterten auf den primitiven Schiffen, die in der Donau einfroren. Das Wasser in den paar Duschen fror ebenfalls ein. Das Trinkwasser holte man aus dem Eis der Donau. 
Die "Car Dusan" in Kladovo Fast alle bekamen Dysenterie, Läuse und Skabies. Das Essen bekamen wir vom Land gebracht. Es wurde von den jugoslawischen Juden irgendwie organisiert. Jeden Tag dasselbe: Zweimal täglich Tee mit Schnaps, einmal Nudeln mit Powidl, abwechselnd mit faschiertem Fleisch. Die Menschen bekamen Skorbut, ich hatte eine schwere Furunkulose am ganzen Körper aus Vitaminmangel. Wir warteten.

Aufs Frühjahr, auf ein bißchen Sonne und Wärme. Inzwischen hatten wir die Inneneinrichtung der Schiffe so ziemlich abmontiert, alles was zu verwerten war.Vorhänge, Polsterlederbezüge, Segeltuchhocker. Alles haben wir verarbeitet zu Sandalen, kurzen Hosen und mehr. Eines Tages zerbrach meine einzige Nähnadel. Es gab einfach keine mehr auf allen drei Schiffen. Das war damals ein großer Verlust. Irgendwann im Frühjahr kam eine Gruppe von Zagreb zu uns auf die Schiffe. So an die zwanzig Jugendliche aus Polen, die im tiefsten Winter eine dramatische Flucht über Rußland, die Karpaten, Ungarn und schließlich Jugoslawien hinter sich hatten. 

Unter ihnen waren Romek, Stefek, Hugo, Kuba, Jan, Kurt und Wolf, Schulfreunde noch aus Bielitz. Wir übersiedelten im Frühjahr auf ein griechisches Kohlenschleppschiff, das für uns etwas umgebaut wurde. Wo früher die Kohlen lagerten, bekamen wir vierstöckige Schlafplätze. Man konnte kaum atmen. Ich hatte den letzten Platz oben. Fünfzig Zentimeter über mir das eiserne Deck. 
Spaziergang am Donauufer in Kladovo Von einer Weiterfahrt war keine Rede mehr. Aber es kamen Nachrichten aus Wien, daß ein großer illegaler Transport von Wien auf dem Donauweg zum Schwarzen Meer abreisen sollte. Im Herbst erst sahen wir sie an uns vorbeifahren. Da meine Eltern und Schwester auf diesem Schiff nach Sulina waren, war unsere Verzweiflung unbeschreiblich. Wir konnten keinen Kontakt mit ihnen herstellen, da das Schiff nicht stehenblieb. Und viele von uns hatten Angehörige auf diesem Schiff. Unser Leben am Schiff war wie in einem Gefängnis, dazu die Spannungen durch das enge, monatelange Zusammensein. Die Krankheiten und die Hoffnungslosigkeit. Die kulturelle Tätigkeit war gleich Null und beschränkte sich auf einige Lieder am Freitag abend. Zu lesen gab es überhaupt nichts. Zum Ende des Frühjahres bekamen wir von der jugoslawischen Regierung die Erlaubnis, tagsüber ans Land zu gehen, das heißt ans Donauufer. Dafür baute man einen Holzsteg ans Ufer und später ein Zelt und ein Barackenlager ganz nahe der Donau. Wir pendelten hin und her zwischen Baracken und Schiff. 
Es war für uns schon eine Abwechslung. 

Das Frühjahr und der Sommer 1940 brachten für mich wieder mehr Lebensfreude und vor allem die Freundschaft mit Romek. Während des Tages schwammen wir nackt in der Donau. Die Sommernächte am Strom waren heiß. Wir schliefen im hohen Ufergras. Zwei junge Menschen, die alles verloren hatten. Die Schusterei in Kladovo In jeder Erinnerung an damals ist Romeks tiefe Seele, seine Hoffnung und sein Mut – der ganze heiße glückliche Sommer am Strom. In das Dorf Kladovo kamen wir nie, es war auch nicht erlaubt. Das Leben spielte sich zwischen Barackenlager am Ufer und Schiff ab. Zum Anziehen hatten wir fast nichts mehr. Die paar Fetzen, die wir hatten, sparten wir für den Winter auf. Neben den Baracken waren große Sümpfe. Die ersten Schwerkranken lagen in den heißen, unhygienischen Baracken. Es gab keine Antibiotika, nur Chinin gegen Malaria. Einige Typhusfälle starben, die Poliokranken brachte man nach Belgrad ins Krankenhaus. Die Hoffnung auf eine Weiterfahrt wurde endgültig ausgelöscht, als eines Tages der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde aus Belgrad kam und uns erklärte, es gebe keine Möglichkeit mehr, weiterzufahren. Man würde uns wieder zirka 200 km in den Ort Šabac an der Save zurückbringen. Damals ahnte niemand die Hintergründe dieses Unglücks. 

19. September 1940

Anstatt 600 Kilometer weiter bis zum Schwarzen Meer zu fahren, übersiedelten wir wieder auf zwei altersschwache, wackelige Boote, die uns 200 Kilometer zurück brachten. Den halben Weg zurück, den wir vor einem Jahr gekommen waren. Šabac ist ein kleiner Ort an der Save in Serbien. 

Ich erinnere mich nur an zwei Hauptstraßen, ein Kino und einige kleine Geschäfte und Kaffeestuben, wie sie am Balkan üblich sind. Wir wurden in eine verlassene Getreidemühle einquartiert, wieder mit Holzpritschen übereinander. Da aber nicht Platz für alle war, erhielt ein Teil der Leute Zimmer bei der Bevölkerung in Šabac. Romek, Stefek, Hugo und Kuba hatten einen armseligen Raum mit zwei Betten bei einem Bauern. An der Verpflegung hatte sich nichts verändert. Wir alle holten das Essen in leeren Konservenbüchsen in der Mühle. Geld hatten wir nicht. So beschloß ich, als einzige unter uns 1000 Leuten, zu arbeiten und etwas zu verdienen. Zuerst in einer Wäscherei und in zwei Kaffeestuben. Als es kalt wurde, dachte ich, es wäre besser, irgendwo zu arbeiten, wo ich auch zu essen bekäme. 

Auf der "Penelope" von Kladovo nach Šabac (Sept. 1940) Einmal wollte ich ein anderes Essen sehen als nur Nudeln und Powidl und Tee mit Schnaps Tag für Tag. Bei einem serbischen Sägewerkbesitzer mit einer jüdischen Frau bekam ich eine schwere anstrengende Arbeit, von sechs Uhr früh bis vier Uhr nachmittags. Ich besorgte dort die ganze Hausarbeit in einer Fünf-Zimmerwohnung mit Parkettböden, die täglich zu bürsten waren. Dazu mußte ich am Markt einkaufen, die Sachen nach Hause schleppen, kochen, alle Öfen mit Sägespänen füllen, nach dem Schweineschlachten tagelang den Speck schneiden, bis die gefrorenen Hände voll Blasen waren und vieles mehr. Aber das Essen war wenigstens gut. Gezahlt haben sie mir lächerlich wenig. Es reichte für ein paar Zigaretten und manchmal etwas Halva. Ich war noch sehr schwach für diese Arbeit, denn gleich nachdem wir nach Šabac gekommen waren, hatte ich eine schwere Malaria mit Fieberanfällen bis 41 Grad, zwei Wochen lang. 

Jeden Tag um vier Uhr holte mich Romek von der Arbeit ab, wickelte mich in seine dicke Winterjacke. Und ich brachte ihm, was vom Essen übriggeblieben war. Der Schnee lag hoch auf den Straßen, und ich hatte nichts Warmes anzuziehen, außer ein paar gute Lederstiefel, die noch aus Wien stammten. Eines Tages erhielten wir vom Roten Kreuz gebrauchte Kleider. Ich bekam ein dünnes Kleid und ein paar rote Schlangenlederschuhe mit ganz hohen Absätzen. Was sollte ich damit in diesem bitter kalten serbischen Winter und in unserem verkommenen, zerlumpten Dasein? Die Schuhe waren ein Abglanz einer verlorenen, besseren Zeit. Aber vielleicht auch ein Funken Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Ich behielt sie. Die Chawerim waren fatalistisch geworden. Das heißt, die österreichischen und deutschen Juden vom Transport; aber nicht die polnische Gruppe. Die Polen hatten immer ein Gefühl für Gefahr. Sie hatten Initiative und verloren nie die Hoffnung. Sie suchten Verbindungen mit dem Betar und dem polnischen Konsulat in Belgrad.

In diesem Winter bekam ich die erste Karte von den Eltern aus Palästina. Die Engländer internierten sie. Erst viel später erfuhren wir, daß sie mit dem Schiff Patria in Haifa landeten. Als das Schiff explodierte und innerhalb weniger Minuten unterging, sprangen meine Eltern vom Deck ins Meer und konnten gerettet werden. Meine Schwester, die das Deck nicht mehr erreichen konnte, ertrank mit 250 anderen. 

Von der Mühle übersiedelten wir 1941 in ein anderes Lager in Šabac. Ende Februar, Anfang März begann die polnische Gruppe ohne Erlaubnis unserer Transportleitung nach Belgrad zu fahren, um irgendeine Lösung aus dieser Untätigkeit und Ausweglosigkeit zu finden. Sie kamen immer wieder einzeln nach Šabac zurück, den dagebliebenen Polen zu berichten, welche Fortschritte sie erzielten. Eines Tages kehrten sie mit dem Versprechen des Konsulats wieder, polnische Pässe zu bekommen. 

Ende März kam Romek von Belgrad zurück mit der freudigen Nachricht, in einigen Tagen für alle Polen Pässe zu erhalten, und sagte zu mir, daß wir am nächsten Tag heiraten würden, um mich mitzunehmen, wenn sie den Transport verließen. Sie wollten nichts mehr wissen von diesem verlorenen, unglückseligen Transport.
In Belgrad hörten sie viel über die politische Situation, lasen Zeitungen, wußten, es würde bald Krieg mit Jugoslawien sein. So heirateten wir am 24. März 1941 bei einem sephardischen Rabbiner in einem Büro des Lagers. 
Am 26. März 1941 fuhren Romek, Stefek, Hugo und noch einige Polen nach Belgrad zurück, um die versprochenen gültigen Pässe vom Konsulat zu holen. Sie bekamen sie nicht, denn in Belgrad herrschte das Chaos. Vom 26. auf den 27. März 1941 wurde die prodeutsche Regierung in Belgrad durch einen Militärputsch von mutigen Offizieren gestürzt. Jugoslawien war ringsum von Deutschen und deutschfreundlichen Regimen umgeben. Sie saßen in Österreich, Bulgarien, Ungarn und einem Teil von Rumänien. Und in Albanien und Griechenland war Hitlers Partner Mussolini. 

Ich bekam einige Briefe von Romek aus Belgrad nach Šabac. Aber am 5. April 1941 war Schluß mit jeder Verbindung. In der Nacht davor – in den letzten Stunden vor dem deutschen Angriff – gelang es, 200 Jugendliche bis 16 Jahre mit Zertifikaten legal über Belgrad und Griechenland nach Palästina zu bringen. Wir anderen blieben alle in Šabac. 
Am 6. April 1941 bombardierte die deutsche Luftflotte um 6.15 Uhr Belgrad, und 17.000 Menschen starben in einer Viertelstunde. Belgrad war ein einziger Trümmerhaufen. Und Romek und die Freunde waren in Belgrad, und wir wußten nichts über ihr Schicksal. Am Tag danach war ich mit fünf Freunden auf einer Wiese neben dem Lager, als Šabac vom anderen Ufer der Save beschossen wurde. Die Einschläge waren sehr nahe, und ohne ins Lager zurückzukehren, flüchteten wir zu sechst nach Süden. 

Eineinhalb Jahre waren wir isoliert von der übrigen Welt, 1000 Menschen in einer Gemeinschaft mit den gleichen Sorgen und Ängsten, und plötzlich verließen wir in überstürzter Panik diese Gemeinschaft, die uns doch einen Zusammenhalt bot, auch wenn es nur Verzweiflung war.

Weg von den vorrückenden Deutschen, um Romek zu finden und die Freunde. Das waren meine einzigen Gedanken. Vielleicht gab es eine Möglichkeit in Sarajevo, wo alle Flüchtlingswege zusammenliefen. Wir hatten nichts. Kein Geld, kein Essen, nur die Kleider am Körper.
In den bosnischen Bergen lag der letzte Schnee. Unterwegs hielten uns zwei bewaffnete betrunkene Männer an, ließen uns nicht mehr los. Wir waren in ihrer Gewalt, da sie Revolver und Gewehre hatten. Wir wußten nicht, was sie mit uns vorhatten, ob sie für oder gegen die Deutschen waren. In ihrer Betrunkenheit stellten sie uns an eine Wand und zielten auf uns und amüsierten sich über unsere Angst. Sie tranken ununterbrochen. Anscheinend hatten sie einen Schnapsladen geplündert. Und zwangen auch uns, zu trinken. Die Situation war lebensgefährlich. Am Abend schleppten sie uns zu einem Bauernhaus, wo wir in einem Stall übernachten durften. Ich war von uns sechs die einzige Frau, und plötzlich packten die beiden Betrunkenen mich, führten mich in einen Kohlenkeller und vergewaltigten mich mit dem Revolver an meinem Kopf. Meine fünf Freunde konnten mir nicht helfen. Am nächsten Tag waren die beiden Männer verschwunden. 

Wir kamen durch viele Dörfer und sahen, wie die jugoslawischen Soldaten die Waffen und Uniformen wegwarfen. Innerhalb von elf Tagen hatten die Deutschen ganz Jugoslawien besetzt. Ihre Achsenpartner, die Italiener, hatten Albanien und die Küste Dalmatiens besetzt und kämpften noch in Griechenland. 
Von nun an gingen wir nur mehr durch die Wälder und über die Berge, da auf den Straßen schon die Deutschen waren. Nach einigen Tagen erreichten wir Sarajevo; sehr müde, schmutzig und mit Läusen in den Kleidern. Auch hier waren schon deutsche Truppen. Sarajevo war ein Durchgangspunkt für Flüchtlinge, und trotz verzweifeltem Suchen fanden wir nirgends eine Spur von Romek und den anderen Polen, die beim Bombardement in Belgrad waren. Man hörte nur, Belgrad sei vollkommen zerstört, hauptsächlich durch Brandbomben. Die meisten jüdischen Flüchtlinge gingen von Sarajevo weiter nach Süden zur Küste. Meine fünf Freunde gingen auch. Sie wollten mich mitnehmen, aber ich konnte mich nicht dazu entschließen. Ich hatte die Hoffnung, daß Romek von Belgrad nach Šabac zurückgekommen wäre. Wenn ich zur Küste ginge, würde ich ihn verfehlen. Ich blieb. Ganz allein. Ich bekam das zweite Mal Malaria und lag einige Tage auf einer Bank in einer Synagoge. Der Rabbiner gab mir zwei Decken und zu trinken. Essen konnte ich fast nichts. Ich wußte nicht, was ich weiter machen sollte. Ganz Jugoslawien war inzwischen von den Deutschen besetzt, und ich hatte die absurde Idee, nach Šabac zurückzufahren, um Romek zu finden. 

Jugoslawien kapitulierte am 17. April 1941 nach elf Tagen. 
Ich war noch nicht gesund und sehr schwach. Aber ich ging zum Bahnhof und zwängte mich in einen überfüllten Zug nach Belgrad. Einen direkten Zug nach Šabac gab es nicht, man mußte in Belgrad umsteigen. Es war ein fürchterliches Gedränge. Überall, auch auf den Dächern des Zuges, lagen die Menschen. Alle, die während des Bombardements geflüchtet waren und nach Belgrad zurück wollten. Niemand fragte nach Fahrkarten in diesem höllischen Durcheinander. 

Als der Zug nach Belgrad einfuhr und stehen blieb, geschah das Unglaublichste, das größte Wunder während der ganzen Flucht. Ein Zug am nächsten Gleis war gerade dabei, in die entgegengesetzte Richtung hinauszufahren. Plötzlich schrie jemand: „Herta, Romek lebt. Er ist in Dalmatien." Und gab mir von Fenster zu Fenster einen Brief von Romek. Ich konnte es nicht fassen. 
Der Junge war einer von der polnischen Gruppe. Er war mit Romek und den anderen aus dem brennenden Belgrad nach Dalmatien geflüchtet, kehrte allein nach Šabac zurück, um seine Schwester zu retten, und fuhr jetzt wieder nach Dalmatien, wo die anderen auf ihn warteten. Er würde Romek berichten, daß ich unterwegs nach Šabac ins Lager bin. Ich besitze den Brief von Romek noch heute, mit einer kleinen silbernen Menora, die im Brief war und von der sich Romek nie trennte. Sie war sein Maskottchen. Sein Brief war so voll Liebe, Mut und Hoffnung, in einer so fürchterlichen Zeit, wo nur Vernichtung, Tod und Chaos existierten. Er schrieb, er werde mich unter allen Umständen aus Šabac herausholen und retten.

Die Bahnen funktionierten wieder, da ja die Deutschen schnell alles wieder organisierten. Nicht der Jugoslawen wegen, sie brauchten sie für sich selbst. Ich war wieder in Šabac. Aber auch die Deutschen waren da, hatten aber noch keine Zeit, um sich mit den Juden zu beschäftigen. Ich traute mich nicht auf die Straße und wartete verzweifelt auf Romek, konnte mir aber nicht vorstellen, wie es ihm möglich sein würde, durch das ganze von Deutschen kontrollierte Land zu kommen. Ohne Papiere. Um Mitternacht am 30. April – seinem Geburtstag – stand Romek plötzlich vor mir. Er war von der Küste bis nach Norden gekommen, um mich zu holen. Welchen Mut er dazu gebraucht hatte, kann sich niemand vorstellen. Eine Stunde nach seiner Ankunft, um ein Uhr nachts, verließen wir Šabac zu Fuß in Richtung Belgrad. Wir nahmen nichts mit uns außer ein paar zerlöcherten Sandalen für mich und die roten, Zukunft verheißenden Schlangenlederschuhe. Die schwarzen Lederstiefel, die ich trug, wollte ich für Essen eintauschen. Ein Bauer gab uns in der Früh dafür ein halbes Brot und ein Stück Wurst. 

Ohne zu rasten, erreichten wir nach acht Stunden einen Bahnhof vor Belgrad. Dort brach ich vor Erschöpfung zusammen und konnte nicht mehr aufstehen. Romek trug mich in den Zug hinein, der zu unserem Glück über Belgrad nach Süden fuhr. Wir fuhren einen ganzen Tag und eine Nacht, da der Zug immer wieder von den Deutschen aufgehalten wurde. Daß wir ihnen entkamen, war ein Wunder. Früh morgens am 3. Mai erreichten wir die Küste, wo alle Freunde, die das Bombardement mit Romek überlebt hatten, warteten. Die Freude war unbeschreiblich. Sie hatten nicht gehofft, uns jemals wieder zu sehen, und wir alle konnten das Glück nicht fassen, daß es Romek gelungen war, uns zurückzubringen. Dalmatien im Frühling ist einmalig schön. Es war ja sozusagen unsere Hochzeitsreise. 

Nach Hercegnovi flüchteten auch alle Beamten des polnischen Konsulats aus Belgrad, nahmen alle Konsulatsgelder mit sich und verteilten das Geld in Hercegnovi unter den polnischen Flüchtlingen. So bekamen wir etwas Geld. Romek, Stefek, Hugo, Jan, Kurt und Wolf und ich blieben von da ab zusammen. Eine andere Möglichkeit, als nach Italien zu gehen, gab es nicht. Und zwar nur illegal über die Grenze. Dazu mußten wir die ganze dalmatinische Küste bis Fiume [Rijeka] bewältigen. Von Hercegnovi im Autobus bis Dubrovnik. In Dubrovnik kaufte mir Romek einen Ehering. Wir übernachteten in einem bescheidenen, aber sauberen Zimmer, konnten uns endlich einmal waschen und ausruhen. Dort erzählte er mir alles über seine dramatische Flucht aus dem brennenden und einstürzenden Belgrad, über seinen Gang zum polnischen Konsulat, das offen und verlassen war. Da traten sie die Schränke ein und nahmen 28 Blankopässe mit. Und ich erzählte ihm von der Vergewaltigung. 

Der Mai 1941 war warm. Wir hatten eine neue kleine Hoffnung, obwohl sie keine Basis hatte, denn wir gingen in ein faschistisches Land. Teilweise gingen oder fuhren wir von Ort zu Ort, die ganze Küste entlang bis Fiume. In Fiume auf einer Brücke war die italienische Grenze. Natürlich hat man uns nicht durchgelassen und sofort zurückgeschickt. Da Hugo der Organisator war, meinte er, wir müßten irgendwo von einem Dorf weiter im Norden über die Berge gehen, um so nach Italien zu kommen. So fuhren wir von Fiume über Karlovac nach Ljubljana. Und Hugo mit seinen genialen Ideen hat uns alle in Ljubljana in ein Bordell einquartiert, da es sehr billig war.

Nun mußten wir ein Dorf, einen Grenzübergang und einen Bauern ausfindig machen, der uns den Weg zeigen sollte. Wir hatten die gestohlenen Blankopässe. Aber leere Pässe nützten nichts. Hugo beschloß, sie auszufüllen und die Stempel zu fälschen und sogar ein Visum für Ecuador zu fabrizieren. Nach vielen Schwierigkeiten und tagelangen Versuchen hatten wir einen „gültigen" polnischen Paß. 
Hugo fuhr in ein Dorf und hatte schon alles mit einem Bauern verabredet, da wurde Stefek krank, und wir mußten das ganze Unternehmen um Tage verschieben. Endlich fuhren wir ins Dorf, übernachteten bei dem Bauern, und in der nächsten Nacht führte er uns über die Berge bis knapp vor die Grenze. Über die Grenze mußten wir alleine. Es war eine finstere Nacht, und wir gingen barfuß. Jan, Kurt und Wolf durften erst in der nächsten Nacht gehen. Wir wollten uns in Triest treffen. Am 3. Juni 1941 nachts überschritten wir die italienische Grenze in der Nähe von Postojna mit vielen Schwierigkeiten. 

Keinerlei Vorstellung hatten wir, wie, wo und wovon wir in Italien leben sollten. Von der Grenze bis Triest gingen wir zu Fuß. Der Bauer gab uns eine Adresse in Triest, wo wir schlafen und auf die drei Freunde warten konnten, die am nächsten Tag über die Grenze kommen sollten. Gemeinsam fuhren wir nach Venedig. Es war enttäuschend, schmutzig, stinkend – und am Lido kein Mensch. Von dort ging es weiter nach Padua. Das Geld wurde langsam weniger. Wir beschlossen, mit dem letzten Geld nach Rom zu fahren. Rom war überwältigend in jeder Beziehung. Seine antiken Kostbarkeiten, seine Kirchen, die vielen herrlichen Brunnen – aber auch der Hunger und die Ausweglosigkeit. Am alten Markt in der Via di Fiori fanden wir in einem verkommenen Absteigquartier zwei Zimmer mit insgesamt vier Betten für sieben Menschen. Drei Lire pro Zimmer und Nacht. Der Wirt verlangte keine Papiere. Wenn die Polizei kam, verständigte er uns, und wir mußten mitten in der Nacht aufs Dach. Zu essen konnten wir nur Brot und Zwiebel kaufen, ganz selten einen halben Liter Milch für uns alle. Und das für die nächsten zwei Monate. Hugo war sehr aktiv. Da die jüdische Gemeinde nicht helfen wollte, weil Hugo blöderweise einen katholischen Stempel in den Paß gemacht hatte, ging er zum polnischen Roten Kreuz und brachte von dort 70 Lire für alle. Wir verzichteten zwei Tage auf die Zwiebel und gingen dafür ins Vatikanmuseum. Der Eintrittspreis war für uns sehr hoch. Aber es war einmalig schön, obwohl ich immer nur an Essen denken konnte. 

Das Geld war endgültig zu Ende. Arbeiten konnten wir nicht, da wir nicht legal in Italien waren. Da wir am Ende waren, schlug Hugo vor, betteln zu gehen. Er schickte uns zu zweit zu italienischen Juden. Ich ging mit Stefek, und man gab uns 5 Lire. Noch nie hatte ich mich so geschämt. Weil wir den ganzen Tag unterwegs waren, hatten meine einzigen Sandalen fast keine Sohlen mehr. Die roten Schuhe hatte man mir im Bordell in Ljubljana gestohlen. So waren auch sie keine Hoffnung mehr auf eine bessere künftige Zeit, und zu allem Unglück wurde Romek sehr schwer krank. Ich hatte nie etwas Schrecklicheres erlebt. Er tobte und schrie im lebensgefährlich hohen Fieber, sprang aus dem Bett, fiel über die Treppen hinunter, blieb ohnmächtig liegen. Und nachdem wir ihn mit viel Mühe zurück ins Bett gebracht hatten, schrie er wieder die halbe Nacht über Hitler, die Nazis und den Krieg. Wir hatten kein Geld für einen Arzt. 

Ich verdanke Hugo alles in dieser fürchterlichen Nacht. In dem verdunkelten Rom fand er einen Arzt, und zum Glück einen jüdischen. Der Arzt bestellte eine Ambulanz, verlangte kein Geld und brachte Romek ins Krankenhaus. Stefek und ich fuhren mit. Es war einige Kilometer entfernt, und in der Früh wußten wir nicht, in welcher Gegend wir waren, aber ich war glücklich, daß man Romek behandelte und daß er in den folgenden Tagen zu essen hatte. Jeden Tag ging ich dann eineinhalb Stunden zu Fuß, um ihn zu besuchen. Er hatte Typhus. Es war uns unbegreiflich, daß man uns nach Romeks Entlassung aus dem Spital nicht verhaftete, da wir ja feindliche Ausländer waren und das erst Mal offiziell registriert wurden wegen des Krankenhausaufenthaltes.

Wir hungerten weiter den ganzen heißen Monat Juli und waren bestürzt und verzweifelt über die schnellen Anfangserfolge der Deutschen in Rußland. Ich war so schwach, daß ich kaum noch gehen konnte. Unsere Lage war so schlimm, daß wir baten, man solle uns internieren. Dazu gingen wir zum chilenischen Konsulat, das damals die Interessen Polens in Italien vertrat. Das Konsulat intervenierte bei der Polizei. Aber man beeilte sich nicht. Und jeder Tag länger brachte uns dem Verhungern näher. Erst am 10. August 1941 brachte uns ein Polizist von Rom in einen kleinen Ort namens Bomba in den Abruzzen. 
Die drei anderen Freunde in ein anderes Dorf nicht weit von uns. Friede und Ruhe in einer Bergwelt. Der Krieg reichte nicht heran an diese einsamen Gebirgsdörfer, in denen ein sehr gutmütiges, rückständiges, sehr katholisches Bauernvolk lebte. Zum ersten Mal, seit wir auf der Flucht waren, erlebten wir Frieden und eine Ruhe, die nicht von dieser Welt zu sein schienen. Das Dorf lag hoch in den Bergen, und an den Steilhängen reifte gerade der Wein. Schwer und sonnendurchglüht. Es gab unzählige Olivenhaine. Gegen Abend trieben die Bauern ihre Schafherden nach Hause. Tief unten im Tal war der Fluß Sangro. Auf der anderen Seite des Tales eine hohe Gebirgskette, die Montagna della Maiella. Wir waren glücklich nach dieser schweren Zeit in Rom, obwohl wir von jetzt an Kriegsinternierte waren, uns wöchentlich bei der Polizei melden mußten und das Dorf nicht verlassen durften. Die Regierung gab uns bei einem Bauern zwei Zimmer mit Küche und offenem Kamin und zahlte jedem 300 Lire monatlich. 

Die Wohnung war möbliert und mit Bettwäsche und Geschirr ausgestattet. Wir waren sehr überrascht. Die vollkommen anderen Lebensgewohnheiten lernten wir von den ungemein hilfsbereiten Bauern und Nachbarn. Sie riefen uns nur „Studenti polacchi". Sie lehrten uns Seife zu kochen, sonnengetrocknetes Tomatenpüree für den ganzen Wintervorrat zu machen, Wäsche waschen mit Holzkohlenasche, Feigen zu trocknen, Oliven einzulegen, einen offenen Kamin zu heizen, Käse aus Schafsmilch zuzubereiten und vieles mehr. Offiziell war arbeiten verboten, aber wir arbeiteten die ganze Zeit. Das Dorf lebte hauptsächlich von Wein und Ölprodukten. Da die meisten Männer an der Front waren, brauchten sie jede Arbeitskraft. Im Herbst halfen wir bei der Weintraubenernte zehn bis zwölf Stunden täglich von fünf Uhr früh an bis es dunkel wurde. Wir aßen mit den Bauern am Feld und trieben am Abend die Esel nach Hause, die die Weintrauben zum Pressen brachten. Bezahlt bekamen wir nicht, aber dafür das ganze Holz für den Winter, Weintrauben, Wein, Essen und rohe Schafwolle, woraus ich für uns alle Pullover strickte. In Bomba gab es noch ein paar Internierte, zwei aus Litauen, einen Franzosen und einen deutschen „Halbjuden", mit dem wir sehr intensiv Italienisch lernten. Wir hatten kein Radio, aber im Dorf gab es einen Kommunisten, von dem Hugo die Neuigkeiten vom Kriegsschauplatz brachte. Im Winter arbeitete ich bei der Olivenernte, Stefek, Hugo und Romek beim Ölpressen. Wir schrieben oft über das Rote Kreuz an Romeks Eltern, die in Polen zurückgeblieben waren, bekamen aber nur einmal eine Antwort, daß sie ihren letzten Mantel gegen Essen eingetauscht hatten. Das war das Ende. 

Wir hörten nie mehr von ihnen. In Bomba außerhalb des Dorfes gab es eine Zementfabrik und ein Bergwerk. Romek arbeitete dort in der Schmiede, fabrizierte dort die langen Bohrer für das Bergwerk. Hugo arbeitete im Büro und Stefek beim Einsacken des Zements. Ich brachte ihnen jeden Mittag das Essen, es war weit draußen. Die Polizei wollte es nicht wissen, solange wir uns nur pünktlich meldeten. Von den Chawerim des Šabac-Transportes hörten wir nichts mehr, obwohl wir oft schrieben. Mit meinen Eltern war keine Verbindung möglich, da sie im englischen Palästina waren. 

Von Erich bekam ich ab und zu aus Schweden Post. Im Sommer gingen wir hinunter ins Tal und badeten im Fluß, was wir aber leider aufgeben mußten, da die Bauern es als sehr unmoralisch ansahen. Im Herbst waren wir wieder bei der Weintraubenlese. Und es war kein Ende des Krieges abzusehen. Im Gegenteil, es wurde schlimmer. Im Herbst 1942 bot sich uns ein katastrophales Bild: Das Mittelmeer von Spanien bis zur Türkei und auf der anderen Küste von Tunis bis fast zum Nil waren in deutscher und italienischer Hand. Vom Nordkap bis Ägypten und vom Atlantik bis zur Wolga standen deutsche Truppen und wir, klein und hilflos, mitten drinnen. 

Der Krieg dauerte nun schon drei Jahre. Die besten Jahre unserer Jugend vergingen mit Warten, Flucht und Angst. Die Spannung und Besorgnis nahmen 1943 zu. Wir verfolgten sehr genau die Neuigkeiten, die Hugo brachte. Am 10. Juli 1943 landeten alliierte Truppen in Sizilien. Der Krieg kam näher. Eine Woche später wurde Rom, wo die Deutschen waren, zum ersten Mal bombardiert. Und auch die politischen Ereignisse in Italien überstürzten sich. Am 25. Juli 1943 wurde Mussolini vom „Großen Faschistischen Rat" gestürzt und verhaftet. Die neue Regierung unter Marschall Badoglio löste die faschistische Partei auf. Am 3. September 1943 landeten schließlich die Alliierten in Süditalien, und es wurde offiziell bekannt gegeben, daß Italien eine Woche vorher einen geheimen Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen hatte. Das hieß, Italien nahm nicht mehr mit Hitler am Krieg teil. Daraufhin hatten die Deutschen viele Truppen über die Alpen nach Italien geschickt, entwaffneten kampflos die Italiener und hatten bald zwei Drittel Italiens in der Hand. Es waren aufregende Tage. 

Jeden Tag verfolgten wir auf der Landkarte das Vorrücken der Engländer vom Süden nach Norden und das der Deutschen vom Norden nach Süden. Wir in der Mitte hatten keinen anderen Ausweg, als zu den Engländern zu gelangen. Bomba war nicht sehr weit von der Adriaküste entfernt, aber hoch in den Bergen mit einer einzigen Straße zu den anderen Dörfern, die noch nicht von den Deutschen erreicht worden waren. 

Nach dem Sturz Mussolinis betrachteten wir uns nicht mehr als Kriegsinternierte, gingen Mitte September zur Polizei, die ratlos war nach dem politischen Durcheinander, und verlangten eine Bestätigung mit Bild, daß wir in Bomba von August 1941 bis September 1943 interniert waren. Sie gaben uns die Bestätigung sofort. Wir kannten ein befreundetes Ehepaar, das in Norditalien interniert war. Ende September flüchtete es vom Norden zu uns und berichtete, daß die Deutschen überall am schnellen Vormarsch seien. Am selben Tag kam Hugo aufgeregt mit der Nachricht, daß die Deutschen im nächsten Dorf seien. Wir müßten weg, nur weg, so schnell wie möglich. Bei den Engländern wären wir gerettet. Bei den Deutschen verloren.

Ende September/Anfang Oktober 1943

In derselben Nacht verließen wir in aufgeregter Eile die Wohnung, in der wir mehr als zwei Jahre gelebt hatten. Wir ließen alles zurück, was uns gehörte, sogar das Feuer im Kamin brannte noch, als wir durch den Hinterausgang fortgingen, einen steilen Berg hinauf, schnell und ganz ohne Gepäck. Niemand wußte von unserer Flucht. Die Wohnung ließen wir offen. Wir waren sechs Leute, Romek, Hugo, Stefek, ich und das Ehepaar Levitus. Der Weg über die Berge war schwer und anstrengend und die Nächte kalt. Dort in den Abruzzen habe ich meinen österreichischen Paß mit dem großen J weggeworfen. Ich hätte es schon viel früher tun müssen. 

Wir hatten eine kleine Landkarte von Mittelitalien, aber im Gebirge war es schwierig, sich zu orientieren. Später fragten wir in jedem Dorf, wie es heiße und wie weit die Engländer noch entfernt seien. Sie dürften zirka 100 km südlich von Bomba gewesen sein. Zu essen gab es wenig unterwegs. Die Italiener hatten selbst nicht genug. Das Brot war aus Maismehl und hart wie Zement. Auf den Feldern fanden wir noch manchmal von der Ernte vergessene Weintrauben. Wir kamen durch viele Dörfer: Castiglione Messer-Marino, Schiavi, Trivento, Lucito. Das allerletzte Bergdorf, bevor wir tief hinunter ins Tal gingen, an den Fluß Biferno, hieß Castellino. Wir waren im Niemandsland, direkt zwischen der englisch-deutschen Front, und konnten nicht weiter. Mitte Oktober 1943 waren auf zwei gegenüberliegenden Bergen die vordersten Frontlinien der Engländer und der Deutschen. Wir saßen wie in einer Falle am Fluß. 

Vor den Deutschen flüchteten wir, zu den Engländern konnten wir nicht, da der Berg zu ihnen unter dauerndem Beschuß lag und von den deutschen Stellungen leicht einzusehen war, da es fast keine Bäume gab. Direkt neben dem Flußufer fanden wir eine verlassene Scheune mit vielen Mäusen und Stroh und einem eisernen Ofen mit Wasserkrug. Auf den Feldern ringsum waren noch vereinzelte Tomaten und Quittenbäume mit reifen Früchten. Aber Quitten kann man nicht roh essen, und Feuer zu machen wagten wir nicht. Man hätte den Rauch von weitem sehen können. Es war sehr unheimlich. Wir trafen keinen einzigen Menschen, nur der Kanonendonner ging Tag und Nacht über uns hinweg. Oben im Dorf Castellino waren scheinbar noch keine Deutschen. Sie mußten mehr vom Westen vorgerückt sein, nicht vom Norden, woher wir kamen. Mehr als eine Woche waren wir schon in der Scheune, sehr hungrig, sehr verzweifelt und in einer großen Nervenanspannung. 
Das ununterbrochene Artilleriefeuer machte uns fast verrückt. Und vor allem wollten wir endlich weg sein von den Deutschen und keine Angst mehr haben. Romek beschloß, nach Castellino zu gehen, um Brot zu besorgen. Ich wollte ihn nicht gehen lassen und hatte unbeschreibliche Angst. Wer wußte, ob die Deutschen nicht schon in diesem Dorf waren. Er ging ganz allein und kam nicht zurück. Wir warteten den ganzen Tag. Es war furchtbar. Wir befürchteten das Schlimmste. 
Daß die Deutschen ihn geschnappt haben. In der Dunkelheit kam er zurück in großer Aufregung. Er hatte im Wald zwei deutsche Soldaten miteinander sprechen gehört, rollte sich in einen Graben und blieb viele Stunden dort liegen, bis es dunkel war. Wir hatten ja keine Ahnung davon, daß es Patrouillen gab. Daß sie die Scheune noch nicht entdeckt hatten, war geradezu unglaublich. In dieser Nacht schliefen wir auf den Feldern. Der Zwischenfall brachte die Entscheidung. Wir mußten so schnell wie möglich weg, auch wenn das Risiko noch so groß war. Die Granaten pfiffen weiter über uns ohne Unterbrechung. Der Weg zu den englischen Stellungen war ein steiler Berg, mit sehr wenigen Bäumen. Wir schätzten, daß wir zwei bis drei Stunden brauchen würden, um sie zu erreichen. Wir warteten noch eine Nacht, die nächste war dann dunkel und mondlos, und da entschieden wir uns für das so große Risiko. 

Wir konnten nicht wissen, wie die Engländer auf unser Erscheinen reagieren würden. Nachts um drei Uhr gingen wir los. Den ganzen Weg sprachen wir kein einziges Wort und gingen barfuß mit den Schuhen in der Hand. Man hörte fast das Herzklopfen der anderen. Diese drei Stunden sind in Worten nicht auszudrücken. Um sechs Uhr früh sahen wir von weitem die vordersten Schützengräben der Engländer und die englischen Stahlhelme, die etwas darüber herausstanden. Es war nicht zu fassen. Wir hatten es wirklich geschafft. Die Engländer sahen uns und brachten die Gewehre in Anschlag. Aber wir gingen mit erhobenen Händen auf sie zu und sagten ihnen, daß wir Juden sind und vor den Deutschen flüchten. 
Sie halfen uns über die Schützengräben. Es war der erste Schritt in die Freiheit seit fünfeinhalb Jahren, seit dem März 1938. Wir waren überwältigt vor Glück. Herta und Romek Reich im DP-Camp bei Bari (November 1943) Über weitere Gräben brachten sie uns weg von den vordersten Linien und dann mit einem Jeep nach Bonefro, wo sie uns einsperrten und verhörten. 

Den ganzen Tag lang. Aber es störte uns nicht, sie wußten ja nicht, wer und was wir sind und woher wir kommen. Sie gaben uns so viel zu essen, daß uns schlecht wurde. Keiner von uns hatte solches Essen gesehen. Seit Jahren nicht. Ganze Büchsen mit Speck, Käse, Fleisch, Honig und vieles mehr. Sie führten uns dann noch ein Stück nach Süden, nach Lucera, eine kleine Stadt, 30 km vor Foggia. Sie sagten, wir sollten nach Bari gehen, dort gäbe es ein großes Displaced Persons Camp, wo wir uns melden sollten. Angst bräuchten wir keine mehr zu haben. Der ganze Süden war von Engländern erobert. Die Konserven nahmen wir übrigens mit. Sie gaben uns noch weitere. Aber bis Bari war es noch weit. Als wir zu Fuß nach Foggiakamen, erwartete uns ein Bild des Grauens. Eine Stadt, die bis auf den Grund zerstört war. 

Es gab keine Straßen mehr, nur meterhoch Schutt, keine Häuser und keinen Bahnhof mehr, kein einziges Lebewesen war anzutreffen. An der Adriaküste kamen wir an eine Eisenbahnstrecke und fuhren das letzte Stück an der Küste entlang bis Bari. In einem Vorort von Bari, in Cabonara di Bari, war das Camp für Displaced Persons. Ein ehemaliges Lager für Kriegsgefangene, wohin die Italiener ihre Gefangenen aus Griechenland und Albanien und Jugoslawien gebracht hatten. Jetzt benützten es die Engländer. Es waren ungefähr 5000 Menschen dort. Wieder hatten wir Holzpritschen übereinander, aber ohne Strohsäcke. Ich schlief lieber nur auf Holz als auf verwanzten Strohsäcken. 240 Menschen in einem sehr großen Raum. Zu essen gab es genug, aber es ging uns bald auf die Nerven. Jeden Tag Corned Beef und Bohnen. Romek und ich gingen auf die Felder, sammelten wilden Broccoli und kochten ihn in leeren Konservenbüchsen. Stefek und das Ehepaar Levitus gingen in einen anderen Ort nicht weit von uns. Nur Hugo blieb mit Romek und mir. Ich begann, für die Engländer Wäsche zu waschen, mit sehr primitivem Zubehör, und verdiente so einige Lire. Zum ersten Mal konnte ich an meine Eltern schreiben. Meine Eltern waren überglücklich, sie glaubten mich nicht mehr am Leben. 

Ich war schwanger und todunglücklich darüber. In so einem provisorischen Dasein wollte ich auf keinen Fall ein Kind. Wer wußte denn, wie lange der Krieg noch dauern würde? Ein polnisch-jüdischer Arzt, mehr Scharlatan als Arzt, gab mir irgendein Medikament. Ich bekam einen Blutsturz, und man fuhr mich in ein kleines Spital zehn Kilometer vom Camp. Dort waren nur Nonnen, die um jeden Preis das Kind erhalten wollten. Und ich wollte es unbedingt verlieren. In der dritten Nacht hatte ich genug von der Fürsorge und flüchtete in der Nacht aus dem Spital ins Camp und war weiter schwanger. Die Engländer baten wir um Arbeit. Wir hatten Glück. Sie schickten uns nach Bari in ein „Rest-Camp" der berühmten englischen 8. Armee, die in Afrika die deutsche Armee besiegt hatte. Romek begann einige Tage vor mir zu arbeiten und schrieb mir einen Brief, daß sie ihm ein leeres steinernes Haus zur Verfügung gestellt und zwei Schlafsäcke gegeben hätten. Hugo meldete sich zur freiwilligen polnischen Armee und kämpfte gegen die Deutschen in Monte Cassino. 

Ich fuhr zu Romek ins „Rest-Camp". Er hatte ein Bettgestell und einen Tisch aus Bierkisten fabriziert und war sehr stolz und glücklich damit. Die zwei Militärschlafsäcke waren ein großer Reichtum für uns. Das Camp war sehr groß für 5000 Soldaten, die dort Urlaub machten. Sehr schön, ganz am Meer gelegen. Romek arbeitete in der Kantine für Offiziere und ich in der für Sergeanten. Viele Italiener arbeiteten in den Küchen und Lebensmittelmagazinen. Ich glaube, ganz Bari lebte von den Konserven, die die Italiener dort stahlen. Die Engländer hatten fast keine Kontrolle darüber. Wir staunten über den Reichtum und die Verschwendung. Ich verkaufte Mittagessen an die Soldaten. Da es keine Registrierkassen gab, stopfte man das Geld in große Körbe. Nach der Arbeit holte ein Offizier die Körbe mit dem Geld ab. Auf dem Weg von der Kantine ins Büro dürften viele reich geworden sein. Die Soldaten tranken bis zur Bewußtlosigkeit und es gab viele Schlägereien. Aber man erlaubte der siegreichen 8. Armee alles. 

Noch immer war Krieg, aber jetzt hörten wir wenigstens immer Nachrichten aus authentischer Quelle. Man war sicher, daß Hitler den Krieg nie mehr gewinnen konnte, aber dieser größenwahnsinnige Anstreicher opferte noch weitere Millionen Menschen. Im Frühjahr 1944 sprach man viel über eine mögliche englisch-amerikanische Invasion an der Kanalküste. Aber nichts geschah. Wunschträume, Gerüchte. Wir alle wünschten eine zweite Front, damit Deutschland von Osten und vom Westen erledigt würde. Romek sprach jeden Tag von Palästina. Ich weniger. Diese ganze polnische Gruppe war in einer zionistischen Jugendbewegung groß geworden. Ich hatte keinen diesbezüglichen Hintergrund und keine Ideale. Ich ging von Österreich weg, weil Hitler kam. Ich hatte eine Heimat verloren, konnte mir aber keine neue vorstellen. Die Polen aber konnten es und waren glücklich. Die Schwangerschaft deprimierte mich sehr, aber im fünften Monat gab es keine Möglichkeit für eine Unterbrechung. Romek bemühte sich sehr, von den Engländern eine legale Einreise nach Palästina zu bekommen. Obwohl es uns aussichtslos erschien, von der Militärverwaltung Zertifikate zu erhalten, gab er nicht auf und versuchte es immer wieder voller Hoffnung. 

Eines Tages hob ich einen schweren Kessel in der Kantine, und das war der Anfang vom Ende der Schwangerschaft. Zu Beginn des sechsten Monats. Die Engländer und Romek brachten mich in die Universitätsklinik nach Bari. Ärzte gab es nicht. Nur einige Medizinstudenten operierten mich nach zwei Tagen. Narkose oder ähnliches gab es auch nicht. 

Nach zwei Tagen holte mich Romek ins „Rest-Camp" zurück. Ich war sehr schwach, aber wir beide waren überglücklich über diese Lösung. Die legale Einreisebewilligung nach Palästina Als Überraschung brachte Romek einige Tage später für uns beide die Einreise- bewilligung nach Palästina für den 26. Mai 1944. Es war ganz unglaublich, mitten im Krieg legal nach Palästina zu fahren. Unser ganzes Gepäck bestand aus einer kleinen Bierkiste mit ein paar wenigen Habseligkeiten, und unser Reichtum waren die zwei Schlafsäcke. Das Schiff ging vom Hafen Taranto im Süden. In der letzten Maiwoche fuhren wir sehr aufgeregt dorthin. Ich in einem selbst genähten Kleid aus einem Zuckersack, einer Bluse vom Roten Kreuz und Holzpantoffeln. An Geld haten wir insgesamt zwei Pfund. Holzpantoffeln. An Geld haten wir insgesamt zwei Pfund. Im Hafen von Taranto schliefen wir in einem Magazin, und am letzten Mai gingen wir auf ein Kriegsschiff, auf welchem 2000 indische Soldaten nach Alexandria fuhren. Die Fahrt war noch immer gefährlich, es waren zwar keine Deutschen mehr im Mittelmeer, aber es gab noch viele Minen. Minensuchbote und Flugzeuge begleiteten das Schiff. Am 5. Juni landeten wir in Alexandria. Vom Hafen brachte man uns sofort in einen Zug, und wir fuhren über den Suez-Kanal, El-Kantara nach Ludd. 

Romek und Roni Reich (Juli 1948)

Und am 6. Juni 1944 begann die englisch-amerikanische Invasion an der Kanalküste. Das Wiedersehen mit meinen Eltern in Tel-Aviv war erschütternd. Das so kurze Glück mit Romek beendete der Befreiungskrieg 1948, in dem er fiel. Aber er erlebte noch die große Freude, ein Jahr mit seinem Sohn zu verleben. Roni gleicht seinem Vater in jeder Beziehung. Seine Bescheidenheit, seine hohen moralischen Werte, sein außergewöhnlicher Intellekt und seine tiefe Gefühlswelt. Romek wäre sehr stolz auf seinen Sohn. Romek hatte mir das Leben gerettet. Lange nach dem Krieg fand man alle Männer vom unglücklichen „Šabac-Transport" erschossen in einer Grube im serbischen Dorf Zasavica an der Save. Die Frauen und Kinder waren zwischen März und Mai 1942 auf angeblichen Umsiedelungsfahrten in einem Gaswagen in Belgrad ermordet worden. Im Jahr 1959 wurden sie in einem gemeinsamen Grab in Belgrad beerdigt. 

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