1147
Aus diesem Jahr stammt die erste
urkundliche Erwähnung der villa ad iudeos (des Dorfes bei den Juden) nördlich
von Graz, wobei Judendorf bei Straßengel gemeint ist. Nach dem Jahr 1160
kam es zu einem Zuzug von Juden aus Judendorf nach Graz in das Viertel
südlich des Hauptplatzes.
1261
Dieses jüdische Viertel findet
in diesem Jahr die erste urkundliche Erwähnung. Das Viertel bestand aus
einem Gassensystem, das der heutigen Jungfern-, Frauen- und Fischer- von-Erlach-Gasse
entspricht und bildete bis in den östlichen Teil (Stadtpfarrkirche) verlängert
einen Ring mit einem Eingang durch die heutige Herrengasse. Hier lebten
zwischen 150 und 200 Juden als Händler bzw. Geldverleiher bis ins 15. Jahrhundert.
1397
Durch so genannte „Judenhauer“,
eine aus allen Ständen gebildeten „Genossenschaft“, kam es zu gewaltsamen
Übergriffen auf die Juden von Graz bzw. Steiermark, sodass viele vorübergehend
nach Wien flohen. Die Stadt Graz wurde von den „Judenhauern“ ultimativ
aufgefordert, die verbliebenen Juden „der Gerechtigkeit“ auszuliefern,
widrigenfalls die Stadt angezündet werde.
1438
Herzog Friedrich von Tirol, der
für den minderjährigen späteren Kaiser Friedrich III. die Steiermark regierte,
gab dem Drängen der z.T. schwer verschuldeten Judenhasser nach und vertrieb
alle Juden aus Graz. Das jüdische Viertel wurde aufgelassen, eine breite
Straße, die heutige Herrengasse, durchgezogen.
1447
Nach dem Tod Friedrichs von Tirol
holte der spätere Kaiser Friedrich III. die Juden wieder nach Graz zurück.
Der Grund war die Judensteuer, die die Steuerleistung aller Bürger in den
steirischen Städten und Märkten übertraf.
1497
Nach dem Tod Kaiser Friedrichs
III. und einem Aufsehen erregenden Schauprozess gegen einen Grazer Juden,
dem man Urkundenfälschung vorwarf, kam es unter Friedrichs Sohn Maximilian
zur zweiten Judenvertreibung aus Graz. Maximilian ließ sich die fehlende
Judensteuer von den steirischen Landständen, die die Vertreibung betrieben
hatten, ablösen. In seinem schriftlichen Ausweisbefehl (18.3.1496) heißt
es, „dass die Jüdischheit dem heiligen Sakrament zu vielen Malen schwere
Unehre gezeigt, und dass sie auch junge christliche Kinder gemartert, getötet,
vertilgt, ihr Blut genommen und zu ihren vestockten verderblichen Wesen
gebraucht ... Damit fortan solch Übel nicht mehr geschehe, haben Wir unsere
Jüdischheit aus unserem Lande Steyr in ewige Zeit beurlaubt.” Fortan war
den Juden bis 1861 der dauernde Aufenthalt in Graz verboten.

1502
Bis in dieses Jahr tagte in Graz
noch eine paritätische jüdische-christliche Schuldenerhebungskommission,
bei der die Juden Gelegenheit hatten, ihre Forderungen anzumelden. Ein
Teil der Grazer Juden wurde von Maximilian auf habsburgischem Gebiet angesiedelt,
sodass er nach der Vertreibung doppelt kassierte (Ablöse der Judensteuer
durch Landstände und Judensteuer durch die auf seinem Gebiet wieder angesiedelten
Grazer Juden).
1783
Kaiser Joseph II. erlaubte den
Juden durch ein „Hofdekret“ die zeitweilige Aufenthaltsmöglichkeit für
die Dauer der Jahrmärkte in Graz, Klagenfurt und Laibach.
1790
Nach dem Tod Joseph II. drängten
die steirischen Stände in einer Denkschrift vergeblich auf die Aufhebung
der Jahrmarktsbewilligung für Juden. Sie führten als Argument an: „Es ist
nicht Abneigung gegen Religionsfreiheit, es ist die Erfahrung, so uns das
Wort im Munde leget, da man allen billigen Verdacht haben kann, dass die
Juden bei den meisten gewaltsamen Einbrechen und Diebstählen in Marktzeiten
Anteil haben”.
1848
In der Folge der Revolution von
1848 kam es durch die Oktroyierte Verfassung von 1849 zur theoretischen
Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen unabhängig ihrer Religion. Juden,
die sich auf diese Verfassung beriefen und sich in Graz niederlassen wollten,
wurde jedoch der dauerhafte Aufenthalt verwehrt.
1861
Durch eine Statutenänderung der
Stadt Graz war es nun Juden gesetzlich möglich, die Nacht über in Graz
zu bleiben. Im Zuge der Industrialisierung kam es in den folgenden Jahren
zu einer Bevölkerungszunahme in Graz, wobei ein Teil auch Juden waren.
Ludwig Kadisch, der schon 1850 vergeblich um die Bewilligung einer rituellen
Speisewirtschaft angesucht hatte, wurde nun die Errichtung bewilligt. 1862
wurde Kadisch auch die Genehmigung erteilt, in seinem Speiselokal den sabbatlichen
Gottesdienst halten zu lassen.

1861-1865
Israelitische Gottesdienste fanden
in diesen Jahren auch in den Extrazimmern der Gasthäuser „Zum Luftschützen“
und „Zum Hasen“ am Gries bzw. „Zum Königtiger“ am Lend statt.
1863
Am 9.10.1863 konstituierte sich
die Israelitische Korporation, eine lose Vereinigung auf Basis freiwilliger
Teilnahme, die sich die Errichtung einer jüdischen Infrastruktur – Bethaus,
Schule, Friedhof (bereits 1864 erworben) – zur Aufgabe machte.
1865
Die Israelitische Korporation erwarb
in Withalms Coliseum den linken Seitenflügel, der am 12. September 1865
als erster fixer Betraum eingeweiht wurde. Bis 1892 sollte hier das Zentrum
der Grazer Judenschaft sein.
1867
Das Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember
1867 gewährte den Juden Österreichs die rechtliche Gleichstellung. Durch
das ebenfalls erlassene Vereinsgesetz konnten in der Folge eine Vielzahl
jüdischer Vereine in Graz gegründet werden.
1869
Durch die Dezemberverfassung von
1867 wurde auch bestimmt, dass jede gesetzlich anerkannte Kirche und Religionsgesellschaft
ihre inneren Angelegenheiten selbstständig verwalten dürfe, weshalb aus
der freiwilligen Korporation die Israelitische Kultusgemeinde Graz wurde.
Ihre Statuten wurden am 17. Mai 1869 genehmigt.
1877
Nach fast 400 Jahren hatte Graz
wieder einen Rabbiner. Der aus Oberschlesien stammende Dr. Samuel Mühsam
wurde aus 40 Bewerbern ausgewählt. Unter seinem Vorsitz bildete sich ein
Tempelbaukomitee, das auf die Errichtung des Tempels, der Schule und des
Gemeindehauses hin seine Arbeit aufnimmt.
1892
Nachdem bereits 1887 der Platz
für den Tempel erworben werden konnte, wurde am 14. September 1892 die
vom Wiener Architekten Maximilian Katscher geplante Synagoge eingeweiht.

1908
Nach dem Tod von Samuel Mühsam
kam im Februar 1908 Dr. David Herzog als Landesrabbiner nach Graz. Herzog
wirkte in Graz u.a. auch als Universitätsdozent für hebräische und arabische
Sprache, als Historiker und Religionslehrer an den Schulen. Bis 1938
veröffentlichte er eine Reihe von Schriften.
1910
Bald nach David Herzogs Amtsantritt
erreichte die jüdische Gemeinde in Graz ihren Höhepunkt. Jüdische Zeitschriften
wurden in Graz herausgegeben, am israelitischen Friedhof wurde 1910 die
Zeremonienhalle eingeweiht und 1914 im Amtsgebäude ein Winterbetsaal errichtet.
Die jüdische Gemeinde Graz hatte 1910 insgesamt 1971 Mitglieder, was 1,3%
der Grazer Bevölkerung entsprach.
1918-1938
Nach dem Ersten Weltkrieg und einem
Zuzug von ostjüdischen Flüchtlingen kam es bedingt durch Überalterung,
Geburtenrückgang, Auswanderung nach Palästina und vermehrtem Austritt aus
der IKG zu einem Rückgang in bevölkerungsstatistischer Hinsicht. Zudem
ist in diesen Jahren eine Zunahme von radikalem Antisemitismus zu bemerken.
Es kam immer wieder zu Übergriffen auf jüdische Vereine und Personen.
14. Februar 1938
Schon vor der Machtübernahme der
Nationalsozialisten wurden die Auslagen der jüdischen Geschäfte in Graz
eingeschlagen.
11./12. März 1938
In einer ersten Verhaftungswelle
wurden u.a. der Landesrabbiner David Herzog, der Nobelpreisträger Otto
Loewi und viele andere mehr verhaftet. Übergriffe auf Personen und Geschäfte
folgten.
April bis November 1938
Neben dem Terror der NSDAP und
ihren Gliederungen kam es in den folgenden Monaten zu einer Reihe von repressiven
legistischen und behördlichen Maßnahmen gegen die Juden (Schächt,- Berufs-,
Schul-, Ausgehverbot, Arisierung und Beschlagnahme von Geschäften und Autos,
Verbot der jüdischen Vereine u.a.m.) Viele Grazer Jüdinnen und Juden versuchten
angesichts dieser Gewalt nach Palästina auszuwandern.
9./10. November 1938
Der Terror erreichte einen ersten
Höhepunkt. Die Synagoge und die Zeremonienhalle am israelitischen Friedhof
wurden von SA-Männern zerstört und in Brand gesteckt; über 300 Juden wurden
ins KZ Dachau transportiert. Nach ihrer Freilassung Ende 1938 / Frühjahr
1939 versuchten sie zum Teil illegal das Land zu verlassen. In das Amtshaus
der Kultusgemeinde am Grieskai zog die Gauleitung der Hitlerjugend.
April 1939
Die noch in Graz lebende jüdische
Bevölkerung (305 v.a. ältere Personen) wurde – wenn nicht schon zuvor –
aus ihren Wohnungen vertrieben.
Frühjahr 1940
Die letzten noch in Graz lebenden
Juden wurden verhaftet und nach Wien und später von dort nach Theresienstadt
deportiert. Graz erklärt sich „judenfrei“. Viele GrazerInnen wurden Opfer
des Holocaust.
1945
Nach dem Ende des nationalsozialistischen
Regimes kehrten nur wenige Grazer Jüdinnen und Juden zurück. Sie gründeten
am 6. Jänner 1946 die Israelitische Kultusgemeinde Graz.
1969
Bis 1969 musste die Kultusgemeinde
mit behelfsartigen Räumlichkeiten für die Abhaltung der Gottesdienste Vorlieb
nehmen, ehe es durch einen Umbau des Amtshauses zu einer Neugestaltung
des Betsaals kam.
1983
Im Rahmen des „Steirischen Herbstes“
wollte der Grazer Künstler Fedo Ertl die Grundmauern der niedergebrannten
Synagoge freilegen. Mitglieder der IKG baten ihn, von seinem Vorhaben Abstand
zu nehmen, erzählten ihm aber, dass der Gebäudekomplex Ecke Alberstraße/Maiffredygasse
aus dem Mauerwerk der niedergebrannten Synagoge stammte. Daraufhin legte
Ertl eine Reihe Ziegel frei und errichtete damit das Mahnmal für die Grazer
Synagoge, das neben dem Erinnern an die Gewalttaten der Vergangenheit auch
„das Sichtbarmachen von latent vorhandenem Antisemitismus in Österreich
heute und das Aufbrechen des unsere Geschichte umhüllenden Schweigens”
(Ertl) bewirken sollte.
1988
Im Gedenkjahr wurden anlässlich
des 50. Jahrestages des Pogroms eine Gedenkstätte geschaffen, indem Grundmauern
der Synagoge freigelegt und ein Gedenkstein der Stadt Graz gesetzt wurde.
Dem Platz vor dem Amtshaus wurde der Name „Synagogenplatz“ verliehen.
Im Jänner 1988 beauftragte die
Stadt Graz die Architekten Ingrid und Jörg Mayr mit dem Entwurf einer Zeremonienhalle.
1991
Am 11. November 1991 wurde die
Zeremonienhalle am Israelitischen Friedhof der Kultusgemeinde übergeben.
1998
Nach ersten Vorgesprächen 1994
wurde am 21.Oktober 1998 der Beschluss zur Wiedererrichtung der Synagoge
gefasst. Die von Mayr & Mayr geplante Synagoge „erhebt sich aus den
Ruinen der alten. So bleibt die Erinnerung an die Zerstörung wach und zugleich
wird durch den Neubau Zuversicht und Hoffnung ausgedrückt. Würfel und Kugel
bestimmen das Erscheinungsbild. Zwölf Säulen (12 Stämme Israels) sind paarweise
durch Bögen verbunden und in der Kuppel im Davidstern vereint. Über dem
Gedenkstein von 1988 wird der Almemor in der Mitte des Raumes errichtet.
Die Heilige Lade steht in einer bis zur Decke reichenden Nische an der
Ostwand. Im Süden, Westen und Norden umgibt eine Empore den Hauptraum.”
2000
Am 9. November 2000 wurde die Synagoge
der Israelitischen Kultusgemeinde übergeben.

|